Interview aus dem Leseexemplar "DER GESANDTE DES PAPSTES" Dezember 2007
1. Auf Ihrer Internetseite www.christoph-lode.eu lassen Sie die Besucher am Entstehungsprozess Ihrer Bücher teilnehmen. Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen, wie Sie zum Schreiben gekommen sind?
Anders als die meisten anderen Schriftsteller fing ich erst relativ spät mit dem Schreiben an, mit Anfang zwanzig. Ich hätte gerne schon früher geschrieben, aber da wusste ich noch nicht, worüber. Mir fehlte die Lebenserfahrung – und damit auch die Themen. Anfangs schrieb ich satirische Kurzgeschichten, kam aber schnell davon ab. Irgendwann führte mich mein Interesse an Geschichte zum historischen Roman. Da ich ein großer Fan fantastischer Literatur bin, haben meine Geschichten immer auch fantastische Elemente.
2. Ihr Roman "Der Gesandte des Papstes" ist so stilsicher und ausgereift, dass man kaum glauben mag, es handele sich dabei um Ihr Debüt. Haben Sie noch andere Romane geschrieben, die bei Ihnen zu Hause in der Schublade auf ihre Veröffentlichung warten?
Vor "Der Gesandte des Papstes" habe ich drei Romane geschrieben und mehrere Erzählungen und Kurzgeschichten, allerdings war nichts davon reif für eine Veröffentlichung. Insofern ist es besser, die alten Texte in der Schublade zu lassen. Allerdings werde ich sicher die ein oder andere Idee in ausgereifter Form noch einmal aufgreifen.
3. Sie schreiben historische Romane und sind Mitglied bei Quo Vadis, dem Autorenkreis Historischer Roman. Was fasziniert Sie an diesem Genre?
Ich kann über das schreiben, was mich seit meiner Kindheit interessiert: das Mittelalter, die Antike, die frühe Neuzeit. Das moderne Leben im sogenannten Westen ist sehr bequem und oberflächlich; viele Menschen interessieren sich ausschließlich für das Fernsehprogramm, die Ausstattung des neuen Autos, die Schnäppchen im Supermarkt. Die Menschen früherer Epochen dagegen beschäftigten sich weit mehr als heute mit existentiellen und religiösen Fragen. Das fasziniert mich, obwohl ich selbst nicht religiös bin.
4. Die Welt Ihres Romans führt weit von Ihrem Berufs- und Alltagsleben weg: Sie wohnen in Mannheim, haben Sozialpädagogik studiert und arbeiten in einem psychiatrischen Zentrum bei Heidelberg. Dort werden Sie mit schlimmen Schicksalen, häufig dem Zerfall ganzer Familien konfrontiert. Ist das Schreiben über eine ferne Zeit ein Ausgleich, der Sie dazu Abstand finden lässt?
Sicher ist meine Arbeit manchmal belastend, aber ich glaube, man stellt sich das schlimmer vor, als es ist. Wie bei jeder Arbeit gewöhnt man sich an die schwierigen Aspekte und entwickelt Strategien, damit umzugehen. Natürlich ist das Schreiben ein Ausgleich, aber oft genug ist die Arbeit auch ein Ausgleich für das Schreiben – das auch nicht immer leicht ist.
5. "Der Gesandte des Papstes" spielt Anfang des 14. Jahrhunderts, das Sie als "meine Zeit" bezeichnen. Was macht das Spätmittelalter für Sie besonders interessant?
Im 14. Jahrhundert kamen einige Strukturen ins Wanken, die für die Menschen jahrhundertelang verlässliche Gewissheiten waren: Das Erstarken der Städte schwächte den Feudalismus. Nach dem Ende der Kreuzzüge musste das christliche Abendland erkennen, dass es dem Islam militärisch und kulturell nicht gewachsen war. Das byzantinische Reich – eine Weltmacht – zerbröckelte. Die Macht der Päpste schwand. All das verunsicherte die Menschen der damaligen Zeit, nicht zuletzt spirituell. Eine solch krisenhafte Epoche enthält unendliche Möglichkeiten für Konflikte und somit auch für Geschichten.
6. Immer wieder gerät Ihr Protagonist Ritter Raoul von Bazerat zwischen die Fronten mächtiger Interessen und wird in zahlreiche lokale Scharmützel verwickelt, die die politischen Machtverhältnisse und religiösen Spannungen im Mittelmeerraum, im Byzantinischen Reich und Kleinasien spiegeln. Wie sind Sie bei der Recherche dieser komplexen Hintergründe vorgegangen?
Da ich mich seit meiner Kindheit mit dem Mittelalter beschäftige, ist mein Wissen über diese Zeit natürlich recht groß. Aber viele Hintergründe, gerade über die unübersichtlichen Verhältnisse in Kleinasien, waren auch für mich vollkommen neu. Da blieb mir nichts anderes übrig als viel zu lesen. Ausgangspunkt für meine Recherchen ist meistens das Internet, aber früher oder später kommt immer der Punkt, an dem man sich in Fachliteratur vertiefen muss. Die Entwicklung des Plots und die Recherche der Hintergründe finden bei mir gleichzeitig statt und bringen sich gegenseitig voran. Als beispielsweise feststand, wohin die Suche nach dem Zepter meine Charaktere führt, stieß ich auf die Mongolen, die 1303 Teile Kleinasiens beherrschten. So entstand die Idee, Raoul und seine Gefährten, aber auch seine Gegner, mit den Mongolen zu konfrontieren. Der Plot hat dadurch ganz neue Wendungen bekommen. Die Recherche hat etwa 2-3 Monate in Anspruch genommen und war, als ich mit dem Schreiben begann, zum größten Teil abgeschlossen. Später habe ich nur noch Kleinigkeiten recherchiert, etwa wo welche Kleidung getragen wird oder wie bestimmte Landstriche beschaffen sind.
7. Die Suche nach dem Antoniuszepter führt Bazerat und seine Gefährten von Rom über Jerusalem nach Konstantinopel, weiter in die alte Handelsstadt Trapezunt am Schwarzen Meer, von dort aus nach Armenien an den Sewansee und schließlich zu einer einsamen Festung bei Aleppo in Syrien. Wie machen Sie sich Stationen Ihres Romans anschaulich, an denen Sie selbst nie gewesen sind?
Reale Schauplätze versuche ich anhand alter Karten, Zeichnungen und Reiseberichte zu studieren. Außerdem besorge ich mir Reiseführer und Fotos und rede mit Leuten, die schon einmal dort gewesen sind. Fiktive Schauplätze male ich mir so lange aus, bis ich ein klares, intensives Bild vor mir sehe. Manchmal fertige ich auch Zeichnungen und Lagepläne an. Ausgangspunkt sind hier häufig reale Vorbilder – im Fall der syrischen Wüstenfestung war das eine maurische Zitadelle in Südspanien, die ich vor drei Jahren besucht habe.
8. Ihr Roman lebt von unterschiedlichen Handlungssträngen, die Sie spannungsvoll und souverän weiterführen, bis sie am Ende folgerichtig zusammenlaufen. Wie gelingt es Ihnen, beim Schreiben den Überblick zu behalten und die Parallelhandlungen ausgewogen zu gestalten?
Ich plane jeden Roman gründlich, bevor ich mit dem eigentlichen Schreiben beginne. Ich konstruiere alle Handlungsstränge anhand von Zeitleisten – wann geschieht was aus welchen Gründen? – und arbeite die Charaktere aus. So gelingt es mir weitgehend, den Überblick zu behalten. Trotzdem schleichen sich immer wieder logische Fehler ein, oder es gibt ungünstige Gewichtungen bei den Figuren, die ich verbessere und ausbalanciere, wenn ich die erste Fassung des Romans überarbeite. Einfälle für spätere Szenen kommen in ein Notizbuch, das ich immer bei mir habe. Es gibt nichts Ärgerlicheres, als eine gute Idee wieder zu vergessen.
9. Immer wieder liefern sich die Gefährten um Raoul von Bazerat Gefechte mit Kadar al-Munahids Söldnern. Es kommt zu atemberaubenden Verfolgungsjagden und dramatischen Einzelkämpfen, die so plastisch geschildert sind, dass sie fast räumlich sichtbar werden. Haben Sie sich dabei an Filmen orientiert?
Ja, hauptsächlich an Mantel-und-Degen-Filmen aus den 70ern, wie "Die drei Musketiere" mit Oliver Reed, die wunderbar choreographierte Kampfszenen haben. Aber auch an Comics; besonders französische haben es mir angetan. Serien wie "Das dritte Testament" sind zeichnerisch und erzählerisch auf extrem hohem Niveau, nicht nur was die Kampfszenen angeht.
10. Antonius, der Mitte des dritten nachchristlichen Jahrhunderts in Ägypten geboren wurde, gilt als Begründer des Mönchtums und der ersten christlichen Einsiedlergemeinschaften. Er soll zahlreiche Wunderheilungen vollbracht und ein vorbildliches asketisches Leben geführt haben. Was wir über ihn wissen, ist in der Vita Antonii überliefert, die Athanasios, Bischof von Alexandria, um 360 verfasst hat. In Ihrem Roman spielt diese hagiographische Schrift eine zentrale, wenngleich sehr unheilige Rolle. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Vita Antonii mit der Legende um König Salomo und dessen Zepter zu verschmelzen?
Bei der Planung des Romans war ich auf der Suche nach einem Heiligen mit einem typischen Gegenstand, denn ich wollte meine Charaktere auf die Jagd nach diesem Gegenstand schicken. So stieß ich auf Antonius und seinen t-förmigen Stab. Diesem Stab wollte ich eine tiefere Bedeutung geben, also habe ich ihn mit den Legenden um König Salomo verflochten. Salomo tritt in der arabischen Mythologie auf, was diese Verbindung ermöglichte.
11. Zunächst begeben sich die Kontrahenten Raoul von Bazerat und Kadar al-Munahid arglos auf die Suche nach dem Stab des Antonius, aber während der Reise werden mehr und mehr Einzelheiten über das Wesen des Zepters offenbar. Das weckt Begehrlichkeiten und verstärkt die Rivalität, denn nun geht es nicht mehr darum, den ursprünglichen Auftrag zu erfüllen. Am Ende möchte jeder das Zepter für sich gewinnen. Können Sie uns etwas über die Motive der Charaktere erzählen und was diese Beweggründe über sie aussagen?
Beinahe jeder Charakter aus "Der Gesandte des Papstes" hat irgendwann einmal eine seelische Verletzung erlitten, die bis in die Romangegenwart nachwirkt. Daraus entstehen die Motive. Zu Beginn möchte Raoul das Zepter, um vor seinem nahen Tod eine Tat zu vollbringen, an die man sich erinnert; später hat er andere, handfestere Gründe. Kadar al-Munahid hat als Kind Ohnmacht, Verlust und Demütigung erfahren und sucht seither nach einem Weg, nie wieder schwach sein zu müssen; vom Zepter erhofft er sich diese Macht. Gaspare handelt aus Zwang, Kardinal Morra aus Loyalität gegenüber Papst Bonifatius. Die mächtigsten Motive hat Jada, aber darüber möchte ich nichts verraten.
12. Der Beduine und Söldnerführer Kadar al-Munahid spielt zu Beginn des Romans eine untergeordnete Rolle, tritt aber schnell aus dem Schatten seines Befehlshabers heraus. Wie hat sich diese Person beim Schreiben für Sie entwickelt?
Kadar war für mich der interessanteste Charakter beim Schreiben. Er entwickelte sich vielschichtiger als geplant: Aus einem grausamen, machtgierigen Söldner wurde ein Mann mit destruktiven, aber verständlichen, also letztlich "menschlichen" Wesenzügen.
Sämtliche Figuren, Raoul eingeschlossen, entstanden in längeren Prozessen; Kadar dagegen sah ich von Anfang an klar vor mir: Ein Beduine mit hagerem Gesicht, verstümmeltem Ohr und straff zurückgebundenen Haaren. Seine Vergangenheit habe ich allerdings bei der Ausarbeitung seines Charakters nur angerissen. Beim Schreiben nahm sie dann immer mehr Raum ein, denn ich spürte, dass hier Potential für eine schillernde Figur vorhanden war. Die Szenen aus seiner Sicht schrieben sich wie von selbst; manchmal war es mir unheimlich, wie leicht es mir fiel, mich in ihn hineinzuversetzen. Er lebt eben Bedürfnisse aus, die jeder kennt, aber - glücklicherweise - niemals zulässt. Und weil er dafür schlüssige Gründe hat, faszinierte er mich ebenso sehr wie Raoul.
13. Eine zwielichtige Rolle spielt Matteo Gaspare, ein schillernder, unberechenbarer Charakter, der von den Schatten seiner Vergangenheit eingeholt wird. Fließt in die Beschreibung dieser Person etwas aus Ihrer Erfahrung im Umgang mit psychisch Kranken ein?
Ich glaube, dass alle Charaktere von meiner Arbeit mit psychisch Kranken beeinflusst wurden. Die Arbeit in einer psychiatrischen Klinik erfordert Interesse an psychologischen Zusammenhängen, und ich denke, dass man das der Art anmerkt, wie ich meine Figuren zeichne. Bei Gaspare ist das sehr deutlich zutage getreten; er ist ein von Ängsten getriebener Mann, der deshalb viele falsche Entscheidungen trifft. Ich habe viele Menschen getroffen, die so sind, aber bei weitem nicht nur psychisch kranke.
14. Zu den Begleitern Raoul von Bazerats zählt bald auch eine Frau: die geheimnisvolle Jada bint-Gassan. Was hat Sie zu dieser Figur inspiriert?
Jada beruht auf einer Figur aus einem älteren Manuskript. Diese Figur ließ mich nicht los, weshalb ich sie wiederauferstehen ließ – in anderer Form, mit anderem Namen, mit einer ganz anderen Funktion für die Geschichte. Als ich Jada ausarbeitete, hatte ich viel zur arabischen Mythologie gelesen. Das hat bei ihr deutliche Spuren hinterlassen.
15. Im Hintergrund Ihres Romans geht es um große Politik, im Vordergrund steht das Glück von Jada und Raoul. Von Anfang an fühlen sich beide zueinander hingezogen, doch entscheidend für ihre Zukunft ist, dass sie jeweils beim anderen eine innere Reifung anstoßen. Können Sie uns diese Entwicklung beschreiben?
Raoul ist am Anfang des Romans recht unreif: Er übernimmt keinerlei Verantwortung, nutzt Frauen aus und macht nichts aus seinem Leben. Jadas Charakter ist das genaue Gegenteil: Sie hat viel erlebt, schreckliche Dinge, und musste Entscheidungen treffen, an denen sie fast zerbrochen ist. Durch Raoul findet sie die Unbeschwertheit wieder, die ihr vor langer Zeit verloren ging. Umgekehrt lernt Raoul durch Jada, mit Schmerz, Furcht und anderen dunklen Gefühlen umzugehen. So wird er erwachsen.
16. Die Unterschiede zwischen Jada und Raoul könnten nicht größer sein, sie sind sich gewissermaßen wesensfremd. Dennoch gelingt es ihnen – gerade durch eine Rückbesinnung auf ihre Wurzeln – die Kluft ihrer Herkunft zu überbrücken. Verbirgt sich dahinter für Sie eine Botschaft?
Es wäre übertrieben, hier von einer Botschaft zu sprechen. Naheliegend wäre natürlich, die Geschichte als eine Lektion in Toleranz zu betrachten. Aber das war beim Schreiben nicht meine Absicht. In meinen Geschichten geht es mir um meine Figuren, um ihr Schicksal, ihre Entwicklung, ihre Erlebnisse, ihre Beziehungen zueinander – nicht darum, den Leser zu belehren.
17. Sie schreiben gegenwärtig an einem neuen historischen Roman. Können Sie uns andeuten, worum es darin gehen wird?
Mein neuer Roman spielt wieder im Mittelalter, allerdings etwa dreißig Jahre vor "Der Gesandte des Papstes" und ausschließlich in Frankreich. Er handelt von einer jungen jüdischen Gauklerin, die wider Willen einem uralten kabbalistischen Geheimnis auf die Spur kommt und sich damit mächtige Feinde macht.

